Resilienz im Gespräch

Sieben Perspektiven darauf, was uns in bewegten Zeiten stärkt und trägt.

Gespräche über Zuversicht, Selbstfürsorge, Akzeptanz, Selbstwirksamkeit, Netzwerkorientierung, Lösungsorientierung und Zukunftsorientierung.

Resilienz im Gespräch – Teil 7: Zukunftsorientierung mit Neslihan Kahyaoğlu

Die siebte Expertin in meiner Reihe ist Neslihan Kahyaoğlu – Gründercoach, Führungskräftetrainerin und Geschichtenerzählerin, die mit ihrer eigenen Geschichte Grenzen sprengt. Sie begleitet wirkungsorientierte Gründerinnen und Führungskräfte dabei, mit Klarheit, Strategie und innerer Stärke zu wachsen. Und sie schreibt gerade ihr erstes Buch – über Migrantentöchter. Ihr Resilienzfaktor: Zukunftsorientierung.

„Das Gefühl ist der Kompass. Die Schritte folgen daraus."

Nicht der Plan kommt zuerst. Nicht das Ziel. Sondern das Gefühl. Und aus diesem Gefühl heraus die entscheidende Frage: Was brauche ich dafür – und was brauche ich vielleicht nicht mehr?

Das klingt weich. Ist es nicht. Denn diese Frage erfordert Mut.

„Es sagt sich immer so leicht: Ich möchte ein authentisches Leben. Leicht ist es nicht. Es bringt Konsequenzen, wenn du dich gegen Sicherheit entscheidest – für Stimmigkeit und Authentizität."

Zukunftsorientierung ist kein Visionboard. Es ist ein fortlaufender Prozess: hineinspüren, prüfen, den nächsten stimmigen Schritt gehen. Nicht den ganzen Weg auf einmal.

„Ich treffe die Entscheidung, gehe den Weg, komme in dieses Gefühl – und merke: Es hat sich gelohnt. Also trau dich."

Im vollständigen Interview spricht Neslihan über:

→ Warum Gefühle bessere Wegweiser sind als Ziele

→ Was ein Mood-Bord ist – und warum es wirksamer ist als ein Visionboard

→ Wie Rückwärtsplanung den Weg nach vorne klärt

Das vollständige Interview findest du hier ↓

Resilienz im Gespräch – Teil 7: Zukunfts-Orientierung. Mit Neslihan Kahyaoğlu

Liebe Neslihan, was ist Resilienz für dich?

Resilienz ist für mich die Fähigkeit, bei mir zu bleiben – sich selbst treu zu bleiben und immer wieder in die Innenschau zu gehen: Fühlt sich mein Lifestyle, mein Business noch stimmig an? Das, was ich gerade mache – fühlt sich das noch stimmig an? Aus dieser Innenschau und aus dieser Stimmigkeit heraus entwickelt sich in meiner Definition auch die Resilienz. Und das ist keine einmalige Entscheidung, sondern ein fortlaufender Prozess: bewusst hineinspüren, prüfen, justieren – und dann den nächsten Schritt gehen. Dabei nicht den ganzen Weg auf einmal sehen, sondern sich immer nur den nächsten stimmigen Schritt konzentrieren.

Ich arbeite mittlerweile sehr viel mit dem Gefühl. Ich bin selbst in meinem Business weg von Zielen – Umsatzziele zum Beispiel, was da ja sehr oft klassisch vorkommt – weg von Zielen hin zu der Frage: Wie will ich mich fühlen, welches Gefühl darf mich tragen? Gerade zu Jahresbeginn habe ich mir ganz bewusst die Frage gestellt: Wie will ich mich in diesem Business fühlen, welches Gefühl darf mich leiten? Und aus diesem Gefühl heraus stelle ich mir dann die entscheidende Frage: Was brauche ich dafür – und was brauche ich vielleicht nicht mehr? Denn erst wenn ich das weiß, kann ich bewusste Entscheidungen treffen und Schritt für Schritt in die Umsetzung gehen. Das Gefühl ist der Kompass. Die Schritte folgen daraus.

Bei mir kommt da an erster Stelle das Gefühl von Freiheit. Freiheit öffnet den Raum. Konkret bedeutet das für mich: zu entscheiden, von wo aus ich arbeiten möchte und wie lange – diese Entscheidung ganz bewusst und autonom treffen zu können, ohne dass jemand mir etwas vorgibt. So gehe ich auch durch dieses Jahr: Aktuell bin ich in Istanbul – fühlt sich das noch stimmig an, oder zieht es mich weiter?

Neben Freiheit kommt bei mir der Wunsch nach Leichtigkeit. Es darf sich leicht anfühlen, was ich mache, wie ich arbeite. Auch die Klientinnen und Klienten, mit denen ich arbeite, dürfen solche sein, auf die ich Lust habe – und die auf mich Lust haben, weil das eine Form von Leichtigkeit reinbringt.

Diese Gefühle leiten dann auch Schritte ab. Das ist der Moment: Istanbul fühlt sich nicht mehr ganz stimmig an – ich möchte weiterziehen. Dann gehe ich in die Umsetzung und schaue, welcher Schritt sich stimmig anfühlt. Schritte, die sich aus dem Gefühl ableiten und wieder diese Verbindung haben: Ich bin in die Innenschau gegangen, habe Klarheit geformt – und mache jetzt den Schritt.

Das ist für mich Zukunftsorientierung: nicht Ziele von oben herab definieren, sondern mit dem Gefühl gehen. Nicht klassische To-do-Listen vom Kopf her. Sondern: in die Innenschau gehen, schauen was einen begleiten darf – und dann handeln.

Was bedeutet Zukunftsorientierung als Ressource für dich? Wo und wie hast du sie bewusst eingesetzt?

Ein konkretes Tool, das ich sehr schätze und auch im Coaching einsetze: mit Bildern arbeiten. Ich bin da sehr visuell unterwegs, und das resoniert bei meinen Klientinnen und Klienten sehr stark. Ich möchte gar nicht das Wort Visionboard nutzen, weil das überfordern kann, wenn man beliebige Bilder auf ein Board packt. Es geht eher in Richtung Mut-Bord: Wie darf sich deine Zukunft anfühlen – und welche Bilder sprechen dich in diesem Moment dafür an?

Für mich ist es das Meer. Wenn ich in Meditation oder in die Innenschau gehe und mich vom Gefühl Freiheit tragen lasse, habe ich ein ganz konkretes Bild vor Augen: Ich liege auf dem Rücken auf dem Meer und treibe in leichten Wellen. Das löst bei mir ein tiefes Gefühl aus – Freiheit, Leichtigkeit, mit dem Flow gehen, im Vertrauen sein, sich treiben lassen. Für jemand anderen kann das etwas ganz anderes sein.

Diese Bilder nutze ich als Anker: Wenn ich mir diese Zukunft mit diesem Gefühl vorstelle – welche Schritte kann ich daraus ableiten? Was ist der nächste sinnvolle Schritt? Es geht mir nicht darum, den ganzen Weg aufzuzeichnen, sondern: Jetzt für den Moment – was ist der nächste richtige, stimmige Schritt?

Das ist auch der Unterschied zu To-do-Listen, die man rein vom Kopf ableitet. Wenn die Verbindung zum Gefühl fehlt, wirkt es nicht – man bleibt nicht dran. Das erlebe ich sowohl bei mir selbst als auch regelmäßig bei meinen Klientinnen und Klienten.

Was war - oder ist - dein größtes Handicap? Was erlebst du bei deinen Klientinnen und Klienten?

Dafür nehme ich ein persönliches Beispiel, das gerade sehr präsent ist. Ich habe mich ganz bewusst für ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung entschieden. Und das bringt Konsequenzen mit sich – allein schon im näheren Umfeld zu sagen: So, wie ich bisher gelebt habe, fühlt sich das nicht mehr stimmig an. Ich breche aus, vielleicht auch aus familiären Strukturen, und gehe meinen eigenen Weg, weil ich das bisherige Leben so nicht mehr zu mir passt.

Dieses Ausbrechen liegt bei mir inzwischen vier, fünf Jahre zurück. Und noch immer erwische ich mich dabei, mein eigenes Wesen zu hinterfragen. Allein beim Thema Ortsunabhängigkeit denke ich manchmal: Warum kann ich nicht, wie mein Umfeld oder meine Familie, einfach an einem Ort sein und damit glücklich sein? Warum muss ich immer weiterziehen?

Einerseits erkenne ich: Das ist mein Wesen, meine Natur. Gleichzeitig hinterfrage ich es, weil es in unserer Gesellschaft nicht als normal gilt. Auch, wenn ich weiß: Wenn ich das nicht mache, hintergehe ich mich selbst – und auch das hat Konsequenzen. In den Jahren, in denen ich ein angepasstes Leben geführt habe, hatte ich Hautausschläge – ein klassisches körperliches Symptom, dass da etwas nicht gestimmt hat. Diese verschwanden, als ich mich selbstständig gemacht habe, ortsunabhängig geworden bin und diese Symptome ernst genommen habe.

Eine große Konsequenz war: Ich war erst mal allein unterwegs, nicht abgesichert – und durfte diese Hürden nehmen. Auch in der Selbstständigkeit zu sagen: Ich will ein Business führen, das sich stimmig anfühlt und das sich meinem Lifestyle anpasst – das bringt Konsequenzen mit sich.

Und sich trotzdem treu zu bleiben, zu sagen: Ich halte daran fest – ich habe mich für diesen Weg entschieden, für diese Zukunft, und ich gehe ihn mit allen Auf und Abs. Das erfordert Mut. Es ist nicht leicht. Aber es macht sehr resilient.

Was mich dabei ungemein motiviert: Wenn ich erkenne, wie ich mich fühle, wenn ich in dieser Leichtigkeit bin, wenn es mehr Spaß macht – dieses Gefühl von Freude und Stärke gibt mir Energie. Das zahlt auf mein Business ein, auf Freundschaften. Mein Umfeld merkt das. Wenn ich voller Energie bin und vor Freude strotze, hat das einen großen Einfluss auf andere Lebensbereiche. Das ist für mich ein starker Motivator.

Und es sagt sich immer so leicht: „Ich möchte ein authentisches Leben.“ Leicht ist es nicht. Es bringt Konsequenzen, wenn du dich gegen Sicherheit entscheidest, für Stimmigkeit und Authentizität – und wenn du zunächst von anderen nicht verstanden wirst, weil es von außen betrachtet keinen Sinn ergibt, was du gerade machst.

Und genau weil mich das so motiviert, nehme ich aus der Zukunft die Kraft für mutige Entscheidungen – auch um unbequeme Schritte zu gehen und das in Kauf zu nehmen. Ich treffe die Entscheidung, gehe den Weg, komme in dieses Gefühl – und merke: Es hat sich gelohnt. Wenn ich das nächste Mal an einer Weggabelung stehe, kann ich darauf zurückgreifen und sagen: Ich war mutig – und es hat sich gelohnt. Also trau dich.

Wichtig dabei: nicht an einer Zukunftsvision festhalten, die sich verändert hat. Letzten Sommer hatte ich den Impuls, nach Istanbul zu gehen – mit dem Gefühl, das könnte mein Ort werden. Ich bin dem nachgegangen. Jetzt, ein halbes Jahr später, merke ich: Der Ort gibt mir nach wie vor viel – und gleichzeitig zieht es mich weiter. Das hat sich neu geformt. Und ich stempel die Entscheidung von damals nicht als falsch ab, weil ich mich weiterentwickelt habe. Es darf fluide bleiben. Die Dinge dürfen sich neu formen.

Der Gewinn – und dein bester Tipp für mehr Zukunfts-Orientierung im Alltag?

und das resoniert bisher sehr stark. Nicht im Sinne eines klassischen Visionboards, sondern eher als Mut-Bord: Wie darf sich deine Zukunft anfühlen? Dann die Bilder nutzen, die dich in dem Moment ansprechen. Für mich ist es das Meer – das Gefühl von Freiheit und Weite, da ist nichts im Weg. Für dich kann das etwas ganz anderes sein.

Diese Bilder als Anker nutzen: Wenn ich mir diese Zukunft mit diesem Gefühl vorstelle – welche Schritte darf ich daraus ableiten? Es geht nicht darum, den ganzen Weg vorauszuplanen. Sondern: Jetzt für den Moment – was ist der nächste richtige, stimmige Schritt? Das so runterzubrechen als Tool.

Wenn im weiteren Verlauf des Coachings mehr Klarheit vorhanden ist, arbeite ich zusätzlich gerne mit Rückwärtsplanung: Mal angenommen, in zwei Jahren bist du an dem Punkt, wie du dir deine Zukunft vorstellst – wie ist diese zukünftige Version von dir? Was strahlt sie aus, wie spricht sie, wie fühlt sie sich – und was hat sie rückblickend gemacht? Welche Entscheidungen hat sie getroffen, wen hat sie angesprochen, welche Schritte ist sie gegangen?

Das ist jedes Mal ein besonderer Moment im Coaching – weil ich erkenne, wie viel Klarheit bei meinem Gegenüber schon vorhanden ist. Wenn man sich erlaubt, das auszusprechen, kommt so viel.

Und das ist auch so schön an diesen Gesprächen: Es kommt so viel an Inspiration – und gleichzeitig ist es so Alltag. Das sind wir. Es ist gar nicht groß abgefahren, kein Eso, keine Klangschalen. Es ist im Alltag. Es ist in dir. Hör mal in dich rein, sprich darüber, fühl nach. Es ist einfach da – und wir können es nehmen und etwas draus machen.

Meine abschließende Botschaft: Sei mutig. Geh den Weg in Richtung der Zukunft, die du dir wünschst. Ich spreche aus eigener Erfahrung – ich komme aus einem Umfeld, in dem sehr viel Sicherheit vorhanden war, und bin aus dieser Sicherheit ausgebrochen. Heute führe ich das authentische Leben, das ich führe, weil ich bereit war, mutige Entscheidungen zu treffen und unbequeme Schritte zu gehen – Schritte, die mich zu der Zukunft geführt haben, die ich mir gewünscht habe.

Und: Resilienz fängt bei dir an – aber sie bleibt nicht bei dir. Wenn du in deiner Kraft bist, strahlst du das aus. Du machst die Welt um dich leichter, mit deiner Leichtigkeit, deiner Freude, deinem Wirken. Das darfst du dir gönnen. Das darfst du dir erlauben.

Elke Heinemann

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