Resilienz im Gespräch

Sieben Perspektiven darauf, was uns in bewegten Zeiten stärkt und trägt.

Gespräche über Zuversicht, Selbstfürsorge, Akzeptanz, Selbstwirksamkeit, Netzwerkorientierung, Lösungsorientierung und Zukunftsorientierung.

Resilienz im Gespräch – Teil 6: Netzwerkorientierung mit Katharina Müller

Weiter geht es mit meiner Serie, in der ich mit Expertinnen und Experten über die sieben Resilienzfaktoren spreche. Keine Theorie, sondern gelebte Praxis.

Heute spreche ich mit „Katha“ Katharina Müller – Systemische Coach, Netzwerkerin und eine Frau, die unglaublich viel gibt. Sie begleitet Menschen, verbindet sie miteinander und weiß gleichzeitig, wie wichtig es ist, auch auf die eigenen Grenzen zu achten.

Für Katha beginnt Netzwerkorientierung deshalb nicht beim Kontakte sammeln, sondern bei einer bewussten Entscheidung:

„Netzwerkorientierung bedeutet für mich, Verbindungen zu Menschen zu nutzen und zu pflegen, damit man sich gegenseitig unterstützt und stärkt.“

Doch genau darin liegt auch eine Herausforderung.

Denn wer immer für andere da ist, muss auch lernen, Hilfe anzunehmen und sich von Beziehungen zu lösen, die dauerhaft mehr Energie kosten, als sie geben.

Katha sagt:

„Ich glaube, gerade für starke Menschen ist häufig das Annehmen die größere Herausforderung. Nicht immer nur die starke Säule im Netzwerk zu sein, sondern auch zuzulassen, dass andere helfen dürfen.“

Ein starkes Netzwerk bedeutet für sie deshalb nicht, möglichst viele Menschen zu kennen. Sondern die richtigen Menschen um sich zu haben. Menschen, die ehrlich unterstützen, sich mitfreuen und genauso gerne geben wie nehmen.

Im vollständigen Interview spricht Katha über:

→ Warum Netzwerkorientierung einer der stärksten Resilienzfaktoren ist

→ Weshalb sie sich bewusst von langjährigen Freundschaften getrennt hat

→ Warum starke Menschen oft Hilfe am schwersten annehmen können

→ Wie du erkennst, welche Menschen dir wirklich Energie geben

Das vollständige Interview findest du hier ↓

Resilienz im Gespräch – Teil 6: Netzwerk-Orientierung. Mit Katharina Müller

Liebe Katharina, was ist Resilienz für dich?

Das Erste, was mir einfällt, ist: wieder aufzustehen, wenn Situationen schwierig sind. Immer wieder weitermachen und vielleicht auch das Wissen, dass es bei anderen auch oft so ist und jeder mal im Alltag struggelt – meistens sogar häufiger, als man den Leuten ansieht.

Dieses Wissen und auch aus der eigenen Kraft heraus oder mit Hilfe wieder aufzustehen, ist auf jeden Fall ein Resilienzthema.

Ich finde aber auch: Gefühle zulassen und mit ihnen umgehen. Resilienz heißt nicht, dass man nie traurig sein darf oder wütend oder überfordert. Wir lächeln immer alle, aber darum geht es nicht.

Was ich extrem wichtig finde, ist Lösungsorientierung statt Schockstarre. Bei mir ist es so: Egal wie schlimm irgendwas ist, es kann heute wirklich der absolute Katastrophentag sein. Ich stehe morgen wieder auf und es geht weiter.

Ich weiß, es war vielleicht nur ein Tag. Oder ich weiß, die Herausforderung ist immer noch da. Aber ich weiß auch, ich kann das angehen. Das ist, glaube ich, eine Superpower. Wenn man sie hat, dann ist man gut aufgestellt.

Resilienz ist für mich auf jeden Fall, wenn ich es schaffe, immer wieder weiterzumachen, egal wie schlimm es gerade ist.

Und es bedeutet für mich auch, Unterstützung anzunehmen. Das entsteht durch Beziehungen, Vertrauen und Unterstützung von anderen.

Resiliente Menschen lernen aus Erfahrungen und wachsen daran. Nichts passiert umsonst. Wenn man am Ende nur weiß, was man nicht mehr will, ist man ja auch schon einen Schritt weiter.

Zusammengefasst also ist Resilienz für mich die Fähigkeit, durch schwierige Zeiten zu gehen, ohne sich selber dabei zu verlieren und wieder in die eigene Kraft zu kommen.

Was bedeutet Netzwerkorientierung als Ressource für dich? Wieso und wann setzt du sie bewusst ein?

Ich bin Teil eines Frauen-coachen-Frauen-Netzwerks bei uns in der Firma. Anlässlich des Weltfrauentags wurden wir gebeten, etwas zu posten. Den ersten Beitrag hat ein Coachee von mir gemacht. Ich habe das gelesen und dachte: „Wie schön. Wir hatten erst eine Coaching-Session und ich werde schon so wertschätzend erwähnt.“

Das Programm läuft immer ein Jahr. In dieser Zeit arbeitet man intensiv an den Themen des Coachees. Danach endet das offiziell und neue Mitarbeitende können sich bewerben. Ich hatte in diesem Jahr so viele Anfragen wie noch nie und musste

tatsächlich viele ablehnen, weil ich die Kapazitäten gar nicht habe. Das läuft alles pro bono. Das bedeutet natürlich Netzwerkorientierung für mich, im aktuellen, konkreten Moment.

Netzwerkorientiertnng ist als erstes das Thema, sich ein unterstützendes Umfeld aufzubauen. Egal, ob das Freunde sind, Familie oder Kollegen. Menschen, die einem zuhören, helfen oder einen ermutigen können, wenn es schwierig wird.

Ich habe in den letzten Jahren mein privates Umfeld sehr hinterfragt und mich tatsächlich auch aktiv von zwei langjährigen Freundinnen getrennt.

Über Trennungen in Freundschaften wird selten gesprochen. Meistens spricht man über Trennung in Beziehungen oder Ehen. Aber aktiv zu sagen: „Ich trenne mich von Freunden.“, das machen die wenigsten.

Ich habe dafür einmal ganz visuell dargestellt, mit welchen Menschen ich Kontakt habe. Ich habe mir aufgeschrieben, wer in meinem Umfeld ist, und dann mit Rot und Blau markiert, wie viel dieser Beziehung mir Energie zieht und wie viel sie mir Energie gibt. Bei einer dieser Freundschaften habe ich festgestellt, dass der Großteil unserer Beziehung für mich ein reiner Energieklau war.

Das war eine Freundin, die für mich wie eine Schwester war. Wir haben zusammengewohnt, wir haben die Ausbildung zusammen gemacht, wir hatten über 20 Jahre Kontakt. Trotzdem habe ich die Entscheidung getroffen, mich zu verabschieden.

Ich habe mich aus unserer gemeinsamen WhatsApp-Gruppe verabschiedet und gesagt: „Ich habe den Eindruck, die Freundschaft ist nicht mehr das, was sie einmal war. Mir zieht das zu viel Energie. Wenn sich jemand bei mir melden möchte, darf er das gerne tun. Aber ich ziehe mich zurück.“.

Natürlich habe ich lange überlegt und auch lange gezweifelt.

Gerade bei dieser Freundin war das nicht einfach, weil sie die Mutter meines verstorbenen Patenkindes ist. Wir haben sehr viele emotionale Themen miteinander erlebt.

Mittlerweile habe ich damit aber kein Thema mehr. Wenn ich höre, dass es ihr gut geht oder dass die Kinder gesund sind, freue ich mich ehrlich darüber. Ich wünsche niemandem etwas Schlechtes. Ich bin auch nicht im Streit gegangen. Ich habe das ruhig und vernünftig kommuniziert, ohne Vorwürfe.

.Für mich gehört zur Netzwerkorientierung aber auch, Hilfe anzunehmen. Wenn man ein Netzwerk hat, muss man nicht immer alles alleine machen. „ Kannst du mir helfen? Was würdest du in meiner Situation tun? Hast du vielleicht noch eine Idee?“.

Netzwerkorientierung bedeutet für mich auch, Wissen und Erfahrungen zu teilen. Man bekommt neue Ideen, findet gemeinsam Lösungen oder kann von den Erfahrungen anderer lernen.

Und Netzwerken ist keine Einbahnstraße.

Du bist nicht nur jemand, der Hilfe bekommt, sondern auch jemand, der andere unterstützt. Nicht immer nur nehmen, sondern auch geben. Das finde ich unglaublich wichtig.

Ein gutes Netzwerk gibt dir das Gefühl, dass du nicht allein bist. Es stärkt Sicherheit, Motivation und auch Resilienz.

Für mich bedeutet Netzwerkorientierung, Verbindungen zu Menschen zu nutzen und zu pflegen, damit man sich gegenseitig unterstützt und stärkt. Ich glaube, gerade für starke Menschen ist häufig das Annehmen die größere Herausforderung. Nicht immer nur die starke Säule im Netzwerk zu sein, sondern auch zuzulassen, dass andere helfen dürfen.

Die größte Herausforderung für dich - und für andere? Was nimmst du wahr?

Ich glaube, man kann oft im Kleinen anfangen. Entweder nehme ich mir jemanden aus dem Freundeskreis, der ist und eher extrovertiert ist und sage: „Nimm mich doch mal an die Hand. Nimm mich mit zu einem Frauentreffen oder zeig mir, wie ich bei LinkedIn jemanden anschreibe“.

Mittlerweile gibt es allein online so viele Angebote. Selbst wenn du nicht extrovertiert auf eine Veranstaltung gehst und mit jedem sprichst, gibt es viele Möglichkeiten, sich erst einmal über die Distanz am Rechner heranzutasten. Da kann man sich langsam rantasten, ohne direkt in die volle Sichtbarkeit zu gehen.

Bei mir war die größte Erkenntnis, dass Beziehungen manchmal schleichend aus dem Gleichgewicht geraten, auch eine

Herausforderung, zuerst.

Wir waren zu viert, meine beste Freundin und ich ohne Kinder, die anderen beiden mit Kindern. Wir haben immer versucht, Rücksicht zu nehmen. Wenn es mit den Kindern einfacher war, auf den Spielplatz zu gehen statt ins Café, dann sind wir auf den Spielplatz gegangen. Wir haben mit den Kindern gespielt, geschaukelt und Quatsch gemacht.

Aber irgendwann merkt man Veränderungen. Du schreibst etwas in die WhatsApp-Gruppe und tagelang kommt keine Reaktion. Dann postet jemand ein Kinderbild und zwei Sekunden später antworten alle.

Oder von fünf Treffen finden vier auf dem Spielplatz statt. Beim fünften Mal fragst du: Können die Männer heute Abend mal aufpassen? Können wir mal essen gehen und ohne Kinder reden? Und plötzlich wird das zum Problem.

Dann kommen Aussagen wie: Ihr habt ja gar kein Verständnis. Oder: Wie könnt ihr denn eine stressige Woche gehabt haben? Ihr habt ja keine Kinder.

Das sind schleichende Prozesse, bei denen du dich irgendwann nicht mehr wertgeschätzt fühlst. Irgendwann habe ich mich gefragt: Bin ich weniger wert, nur weil ich keine Kinder habe? Mich stresst vielleicht der Job, jemand anderen die Kinder. Aber darum geht es doch nicht. Es geht um gegenseitiges Verständnis. Wir haben extrem viel gegeben und irgendwann ganz wenig zurückbekommen.

Eine Zeit lang ist das überhaupt kein Problem. Gerade wenn Menschen schwere Zeiten durchmachen, gibt man gerne mehr hinein. Wenn aber aus einer Zeit lang fünf oder sechs Jahre werden und du immer nur gibst, gibst und gibst, das gerne angenommen wird, aber kaum etwas zurückkommt, dann fragt man sich irgendwann: Wofür tue ich das eigentlich?

Ich will mich nicht mehr verstellen. Ich bin 41 Jahre alt. Ich will mit Frauen an einem Tisch sitzen, die sich gegenseitig empowern, egal durch welche Phase sie gerade gehen. Ob das das Kind ist, das nachts wachgehalten hat, oder der nächste Karriereschritt.

Ich möchte mit Menschen an einem Tisch sitzen, die sich für mich freuen, wenn ich erfolgreich bin oder etwas geschafft habe, was ich mir vorgenommen habe.

Nicht mit Menschen, die neidisch sind, missgönnen oder Dinge schlechtreden. Solche Menschen will ich nicht mehr in meinem Leben haben.

Es gibt genug Energiezieher von außen. Politik, Umwelt und vieles andere können wir oft nicht beeinflussen. Dann will ich nicht in meinem Inner Circle Menschen haben, die mir zusätzlich ein schlechtes Gefühl geben.

Eine weitere Herausforderung ist für mich selbst, Hilfe anzunehmen. Ich weiß, was ich alles stemmen kann. Ich habe viele Schicksalsschläge überstanden und kann eine Menge schultern. Aber zu sagen: „Jetzt brauche ich mal jemanden. Ich kann nicht mehr.“ - das fällt mir manchmal immer noch extrem schwer.

Der Gewinn – und dein bester Tipp für Netzwerk-Orientierung im Alltag?

Ich glaube, man muss immer unterscheiden zwischen gutem und schlechtem Netzwerk. Ein falsches Netzwerk kann dich belasten, deine Entwicklung bremsen, dich runterziehen oder negativ beeinflussen. Ein gutes Netzwerk stärkt dich, unterstützt dich und respektiert dich.

Netzwerkorientierung bedeutet für mich nicht nur, Hilfe zu bekommen, sondern auch Hilfe anzunehmen. Gerade starke Menschen sind oft die starke Säule für andere. Aber auch zuzulassen, dass andere helfen dürfen, gehört dazu. Manchmal müssen wir akzeptieren, dass Helfen keine Einbahnstraße ist. Wenn wir anderen helfen dürfen, tut uns das gut. Genauso dürfen wir zulassen, dass andere uns helfen.

Mein Tipp wäre deshalb: Schau dir dein Umfeld bewusst an:

⟫ Welche Menschen geben dir Energie?

⟫ Bei welchen Menschen kannst du sein, wie du bist?

⟫ Wo bekommst du einen Rat und gibst genauso gerne einen zurück?

⟫ Und wo merkst du vielleicht, dass eine Beziehung dauerhaft mehr Kraft kostet, als sie dir gibt?

Allein diese Fragen können schon viel verändern.

Was würdest du gerne noch sagen?

„Nobody’s perfect“.

Ich habe gestern Abend angefangen, die Netflix-Doku über Shirin David zu schauen. Sie polarisiert extrem. Viele sehen die erfolgreiche Künstlerin, die Millionen verdient, riesige Shows spielt und scheinbar alles hat.

Und dann sieht man in dieser Dokumentation, wie hart sie mit sich selbst ins Gericht geht. Wie sie vor Auftritten kämpft. Wie sie zweifelt. Wie sie an sich arbeitet. Sie hat irgendwann selbst gesagt: „Ich glaube, ich brauche eine Therapie. Das ist nicht mehr normal. Ich mache mich völlig irre“.

Da dachte ich: Wie krass. Jemand, der von außen betrachtet alles hat, kämpft genauso mit sich selbst. Und ich glaube, das müssen wir uns häufiger bewusst machen. Es ist völlig egal, in welcher Position du bist. Jeder hat sein Päckchen zu tragen.

Jeder struggelt. Jeder hat innere Dämonen, mit denen er kämpft.

Deshalb ist es wichtig, die richtigen Menschen um sich zu haben. Menschen, die einen daran erinnern, was man schon geschafft hat. Menschen, die sagen: „Schau mal auf die Haben-Seite. Schau mal, wo du heute stehst. Schau mal, was du alles kannst“.

Das vergessen wir oft. Und deswegen finde ich das richtige Netzwerk so wichtig.

Ich merke das gerade sogar im Gespräch mit dir. Eigentlich bin ich heute ziemlich low von der Energie. Aber du gibst mir Energie. Und ich glaube, genau das ist es: Wenn du mit jemandem redest, der Empathie mitbringt, bei dem du merkst, der will dir etwas Gutes und würde dich unterstützen, wenn du Hilfe brauchst, dann hilft das enorm.

Man muss solche Beziehungen pflegen.

Wenn man sich auf die Menschen konzentriert, bei denen man sich nicht verstellen muss, bei denen man sein kann, wie man ist, bei denen man einen Rat bekommt und genauso gerne einen zurückgibt, dann hat man viel gewonnen.

Elke Heinemann

Via Antonio Gramsci, 10

01023 Bolsena (VT) Italia

+49 151 56805662

coaching[@]elkeheinemann.de

P.IVA (IT) 02477240564