Resilienz im Gespräch – Teil 4: Lösungsorientierung. Mit Nikolina Salvaggio
Was ist Resilienz für dich?
Wenn ich Resilienz einmal ganz losgelöst von den klassischen Definitionen aus Coaching und Training beschreiben würde, dann bedeutet sie für mich vor allem eines: wieder aufzustehen, wenn ich hingefallen bin. Vielleicht einfach ein einziges Mal öfter aufzustehen, als ich falle.
Es geht nicht darum, alles zu können oder immer stark zu sein. Es geht darum, weiterzugehen, auch dann, wenn ich das Gefühl habe, dass es gerade nicht mehr weitergeht oder alles sehr schwer geworden ist.
Und obwohl ich grundsätzlich sehr lösungsorientiert bin und den Blick nach vorne wichtig finde, schaue ich bewusst auch zurück. Nicht, um in der Vergangenheit zu verweilen, sondern um mich daran zu erinnern, was ich bereits gemeistert habe.
Ein prägendes Beispiel aus meinem Leben war die Trennung von meinem damaligen Mann. Ich war Mitte zwanzig und lebte mit ihm in der Toskana. Nach der Trennung kehrte ich nach Deutschland zurück, im Grunde mit einem Koffer und einigen wenigen Kartons. Alles, was bis dahin mein Leben gewesen war, war plötzlich nicht mehr da.
Wir hatten uns mit sechzehn Jahren kennengelernt, waren über neun Jahre zusammen und sehr früh verheiratet. Man wächst gemeinsam vom Jugendlichen zum Erwachsenen heran, richtet das gesamte Leben aufeinander aus und plötzlich verändert sich alles.
Damals musste ich praktisch bei Null anfangen und wusste oft nicht, wo mein Platz war.
Viele Jahre später, nach einer weiteren Trennung von einem Partner, mit dem ich fünf Jahre zusammengelebt hatte, erinnerte ich mich an diese Erfahrung zurück. Natürlich tat auch dieser Abschied weh. Aber diesmal wusste ich etwas, das ich früher noch nicht wusste:
Du hast das schon einmal geschafft.
Ich wusste, dass Schmerz sich verändert. Dass das, was heute unvorstellbar erscheint, irgendwann leichter wird. Die Erinnerung an das, was ich bereits überwunden hatte, wurde selbst zu einer Ressource.
Gerade beim Thema Liebeskummer kennen viele Menschen dieses Gefühl. Niemand wünscht sich solche Erfahrungen, und doch gehören sie zum Leben. Wenn ich eine schwere Zeit bereits einmal überstanden habe, kann ich daraus Kraft schöpfen und Vertrauen entwickeln: Ich werde auch das schaffen.
Für mich bedeutet Resilienz deshalb auch, bewusst auf die eigenen Ressourcen zugreifen zu können. Sich zu fragen: Was habe ich noch? Welche Anker stehen mir zur Verfügung? Welche Stärken haben mir schon einmal geholfen?
Resilienz bedeutet für mich nicht, unverwundbar zu sein. Sondern zu wissen, dass mich nichts so schnell umwerfen wird.
Und vielleicht gehört zur Lösungsorientierung nicht nur der Blick nach vorne, sondern auch der Blick zurück. Denn manchmal existiert die Lösung bereits – zumindest in Teilen – in unseren bisherigen Erfahrungen.
Was bedeutet Lösungsorientierung als Ressource für dich?
Ich habe den Eindruck, dass wir in Deutschland häufig sehr problemorientiert denken. Ich bin in Mannheim geboren und deutsch sozialisiert. Es gibt vieles, was ich an Deutschland schätze, aber diese starke Fokussierung auf Probleme nehme ich immer wieder wahr.
In anderen Ländern, beispielsweise in Italien oder Kroatien, erlebe ich oft einen anderen Umgang damit. Dort heißt es eher: Erst einmal Abstand gewinnen. Einen Kaffee trinken. Ein Glas Vino oder vielleicht einen Schnaps. Kurz aus der Situation heraustreten.
Ich glaube, solange wir mitten im Problem stehen, können wir häufig nicht klar denken. Das Problem wird größer und größer, weil wir es ständig betrachten und analysieren.
Ich kenne das auch von mir selbst: Man beginnt, sich in Gedanken immer weiter hineinzusteigern, bis irgendwann die Frage auftaucht: Was verändert dieses Grübeln eigentlich am Problem?
Gerade dieser Schritt zurück ist entscheidend.
Eine Erfahrung, die mir dabei in Erinnerung geblieben ist, stammt aus einem Urlaub in Ägypten. Unser Reiseleiter fragte meinen Mann und mich, was wir beruflich machen. Als wir von Stressmanagement und Coaching erzählten, reagierte er überrascht und sagte ganz einfach: "Wenn man Stress hat, dann macht man eben weniger."
Im ersten Moment musste ich darüber schmunzeln. Und gleichzeitig dachte ich: Irgendwie hat er recht.
Und gleichzeitig ist es schwer zu erklären, warum das nicht so einfach geht. Weshalb es im Alltag oft nicht so einfach umzusetzen ist.
(Frage: Ist das etwas, das hilft oder das resiliente Menschen ausmacht – zu sagen: Da ist ein Problem, “Haken dran” - und es gibt einen sachlichen Kern?)
Ja, genau darin sehe ich einen wichtigen Teil von Lösungsorientierung: den Schritt aus der Emotion heraus. Solange wir vollständig im emotionalen Erleben gefangen sind, kreisen wir immer wieder um das Problem, analysieren es, betrachten es aus allen Richtungen und bleiben dennoch an derselben Stelle.
Dabei kann eine unbequeme Frage hilfreich sein: Möchte ich das Problem überhaupt loslassen?
Denn manchmal erfüllen Probleme auch Funktionen. Sie liefern Erklärungen, Rechtfertigungen oder schützen uns vor Entscheidungen. Oft geschieht das unbewusst.
Ich stelle mir das manchmal wie Kreise vor: Das Problem befindet sich in der Mitte. Solange ich im innersten Kreis stehe, befinde ich mich im Sog des Problems und kann kaum klar sehen.
Erst wenn ich einen Schritt zurücktrete, entsteht Raum für neue Perspektiven.
Dann wird sichtbar, dass Problem und Lösung oft näher beieinander liegen, als wir glauben.
Und vielleicht ist es tatsächlich so: Dort, wo ein Problem ist, existiert häufig bereits auch eine Lösung. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob sie vorhanden ist, sondern ob wir sie sehen können. Dabei bedeutet das Erkennen einer Lösung nicht automatisch, dass wir sie sofort umsetzen müssen.
Manchmal reicht es bereits zu sagen: "Ich sehe die Lösung, aber ich bin noch nicht bereit, diesen Weg zu gehen."
Oder sogar: "Ich sehe die Lösung und entscheide mich bewusst dagegen."
Auch dadurch verliert das Problem häufig einen Teil seiner Schwere und seines Drucks. Vielleicht verändert sich sogar die Perspektive darauf so sehr, dass es irgendwann nicht mehr als Problem wahrgenommen wird, sondern als Teil der Realität.
Dann befinden wir uns bereits im Bereich der Akzeptanz. Aber dafür braucht es Mut.
· » Mut zu sagen: Ich halte an diesem Problem fest.
· » Mut zu sagen: Ich sehe die Lösung, gehe sie aber noch nicht.
· » Und Mut zu sagen: Ich sehe den Weg – und ich gehe ihn jetzt.
Was ist die größte Herausforderung für dich?
Die größte Herausforderung besteht vermutlich darin, dass wir oft zu lange im Problem verharren. Wir bleiben im ersten emotionalen Kreis und verlieren dadurch den notwendigen Abstand. Dadurch entsteht ein Sog, der andere Möglichkeiten unsichtbar macht.
Manchmal stellt sich auch die Frage, ob wir das Problem tatsächlich lösen möchten, denn Probleme können durchaus Funktionen erfüllen.
Der entscheidende Schritt ist deshalb häufig ein Perspektivwechsel: mehr Abstand, eine andere Ebene, mehr Raum. Dann wird sichtbar, dass Lösung und Problem oft viel näher beieinander liegen, als wir zunächst glauben.
Was ist der Gewinn – und was dein bester Tipp für mehr Lösungsorientierung im Alltag?
Ein Satz begleitet mich seit vielen Jahren: „Für irgendetwas wird es gut sein.“ Allein dieser Gedanke enthält bereits den ersten Schritt zurück aus der Situation. Wir können das Leben nur rückwärts verstehen, müssen es aber vorwärts leben.
Wenn ich in einem Problem feststecke, hilft mir diese Haltung dabei, Abstand zu gewinnen und Vertrauen zu entwickeln: Es wird sich zeigen – auch wenn ich es gerade noch nicht erkennen kann. Oft hilft es auch, nicht sofort zu reagieren. Einmal tief durchzuatmen, spazieren zu gehen oder eine Nacht darüber zu schlafen. Denn Lösungen entstehen nicht immer durch mehr Denken, sondern manchmal gerade durch Abstand.
Diese Erfahrung habe ich auch durch den Wechsel zwischen verschiedenen Ländern gemacht. Vieles, was in Deutschland selbstverständlich erscheint, funktioniert an anderen Orten völlig anders. Dann bleibt oft nur, zu akzeptieren, was ist, nach Möglichkeiten zu suchen und neue Wege zu finden. Manchmal erkennt man dabei auch, dass ein Problem für jemanden
anderen längst eine Lösung ist.
Ein einfaches Beispiel dafür ist aus meinem Alltag mit Pferden - der Pferdemist. Für mich kann er zunächst ein Problem darstellen, weil ich ihn loswerden möchte. Für den Nachbarn dagegen ist er wertvoller Dünger und damit eine Bereicherung.
Auch solche Perspektivwechsel können den Blick auf Lösungen verändern.
Was möchtest du noch gerne sagen?
Wo ein Problem ist, ist oft auch die Lösung bereits vorhanden. Vielleicht braucht sie einfach nur etwas Zeit, sichtbar zu werden. Der Druck, sofort eine Antwort oder eine Lösung finden zu müssen, verhindert manchmal genau das.
Wenn wir uns erlauben, neugierig darauf zu sein, was sich entwickeln wird, verändert sich die Perspektive. Probleme wird es immer geben. Aber wir können lernen, ihnen anders zu begegnen – mit mehr Vertrauen, mehr Mut und vielleicht auch mit etwas mehr Gelassenheit.