Resilienz im Gespräch – Teil 5: Akzeptanz. Mit Bianca Daum
Was ist Resilienz für dich?
„Ich bin kein Fan von dem starren Sieben-Säulen-Modell, weil in meiner Welt Resilienzfaktoren wesentlich individueller zu betrachten sind. Was für den einen gut ist, muss für den anderen noch lange nicht gut sein.
Bei dem Thema Akzeptanz geht bei mir immer so ein bisschen was zu, weil Akzeptanz bei mir noch etwas von Tolerieren, von Widerstand hat. So von: naja, dann muss ich das so hinnehmen.
Ich arbeite tatsächlich viel lieber mit Annehmen. Wenn ich etwas annehmen kann, dann ist dieser Widerstand einfach nicht mehr da. Dann kann ich damit viel besser in Einheit gehen, als wenn ich etwas akzeptiere.
Akzeptanz hat mir selten weitergeholfen. Aber wenn ich etwas angenommen habe, dann habe ich mich damit auch angefreundet, dass es ist, wie es ist.
Das ist für mich der große Unterschied. Ich muss ja nur dann etwas annehmen oder akzeptieren, wenn ich es nicht verändern kann. Wenn für mich etwas störend ist und ich kann es verändern, dann ist das der wesentlich gesündere und bessere Weg zu sagen: Ich gehe in die Veränderung rein.
Viele haben Angst vor Veränderung. Ich bin ein Freund der Veränderung und gehe lieber einmal mehr aus meiner Komfortzone raus als einmal weniger.
Wenn ich etwas nicht verändern kann, dann nehme ich es an.
In meiner Welt ist das so: "Erstmal knurren und akzeptieren und dann schauen: Kann ich hier etwas verändern? Das finde ich immer noch den schlauesten Weg."
Was mich stört oder was mich betrifft, betrifft mich. Also kann ich bei mir gucken: Was kann ich verändern? Veränderung findet in uns statt und nicht im Außen.
Und wenn das nicht geht, dann freunde ich mich damit an und nehme es an. Dann ist es ein Bestandteil. Dann hört der Widerstand auf.
Ich habe 2024 eine ganz spannende Erfahrung gemacht. Ich hatte einen relativ schweren Bandscheibenvorfall mit Nervenschaden und bin in Reha gegangen.
Ich weiß genau: Bei Kliniken oder fremdgesteuerten Aufenthalten bin ich voll der Nörgler. Ich bin nur am Meckern. Nichts passt mir. Keiner kann mir etwas recht machen. Alles ist doof.
Da ich das von mir wusste, habe ich zu meinem Mann gesagt: "Ich gehe da hin und nehme alles an, wie es ist. Ich nehme einfach alles so, wie es kommt. Ich werde mich über nichts beschweren. Ich werde dort einfach schauen: Kann ich irgendetwas verändern? Ja, nein, vielleicht. Und wenn nicht, dann nehme ich es an."
Es waren mega geile drei Wochen. So erholsam, weil ich diese Energie für diesen Widerstand, für dieses Auflehnen, für dieses Meckern nicht mehr hatte.
Das Beste an der ganzen Reha war diese Erfahrung: Nimm doch mal an. Hör doch mal auf zum Meckern. Lass das einfach mal gut sein.
Für mich gehört auch dazu, sich selbst anzunehmen. Mit den Dingen, die man nicht ändern kann. An sich, am Aussehen, was auch immer.
Meinen Nervenschaden kann ich nicht ändern. Der ist nun mal geblieben. Ich kann jetzt damit hadern. Ich kann jedes Mal aufs Neue mit mir ins Gericht gehen. Ich kann sagen: "Mein blöder Körper."
Aber mein Körper ist nicht blöd. Ich habe Schindluder getrieben und das ist jetzt die Erinnerung daran. Mein Körper sagt liebevoll: "Guck mal, das ist nun mal passiert. Achte besser auf dich."
Und das kann ich dann auch genau so annehmen.
Was bedeutet Akzeptanz als Ressource für dich? Gehen für dich Akzeptanz und Achtsamkeit Hand in Hand?
Ich habe seit ein paar Jahren jedes Jahr ein Jahresmotto. Ich überlege mir: Was möchte ich dieses Jahr anders haben?
Daraus sind gewisse Dinge entstanden, dass ich gesagt habe: "Durch dick und dünn gehe ich mit dir mit, aber bei durch dick und doof grenze ich mich ab, gehe ich raus."
Das war für mich die erste Übung, um gewisse Dinge annehmen zu können, weil ich die Entscheidung getroffen habe: Das möchte ich und das möchte ich nicht mehr in meinem Leben haben. Das tut mir nicht gut.
Ich stelle mir immer die Preisfrage dazu: Wie hoch ist für mich der Preis, wenn ich dem folge oder wenn ich dem nicht folge?
Mittlerweile ist das bei mir so, weil ich ganz oft die Erfahrung gemacht habe, dass wenn ich etwas nicht annehmen will, weil ich es vielleicht auch nicht akzeptieren will, mir das gesundheitlich nicht gut tut.
Unser Nervensystem ist bei 95 Prozent der Menschen völlig overloaded und dysreguliert. Unser Körper speichert unseren Stress, unsere Traumata und alles, was wir negativ erlebt haben.
Wenn ich mich weiterhin gegen alles verwehre, dann zahle ich den Preis doppelt und dreifach körperlich. Diesen Preis bin ich nicht mehr bereit zu zahlen.
Dann nehme ich das andere an, weil das der kleinere Preis ist.
Das ist eine bewusste Entscheidung.
In dem Moment, wo du emotional bist, kannst du nicht rational eine Entscheidung treffen. Du kannst vorher eine Entscheidung treffen: "Was möchte ich grundlegend in meinem Leben haben?"
Dann kommt ein Trigger und du bist emotional. Erst, wenn du wieder runtergefahren bist, durchgeatmet hast und merkst, du stabilisierst dich, dann kannst du rational anfangen zu denken und bewusste Entscheidungen treffen.
Das Gemeine an uns Menschen ist, dass wir wissen, dass es genau so läuft. Und dann trotzdem erst hinterher, nach dem Trigger, denken: "Warum bin ich jetzt eigentlich so ausgeflippt?"
Antwort: "Das war mein Nervensystem, das mich schützen wollte."
Dieses Bewusstsein hat mir geholfen, diese Schleife drehen zu können.
Ich bin auch erst in der Emotion. Es ist nicht so, dass ich nicht erst emotional bin. Dann kommt dieses Erinnern und das Zurückgehen.
Alles, was wir unterdrücken, ist für uns sehr schädlich.
Wenn wir einen schweren Unfall haben und zittern, geben die Ärzte Beruhigungsmittel. Aber dieses Zittern hat eine körperliche Funktion, nämlich das Nervensystem zu regulieren.
Wir Menschen unterbinden das alles, weil wir glauben, wir müssen funktionieren.
Dabei ist es ganz gut, Gefühle auch mal kommen zu lassen.
Wir reagieren überwiegend unbewusst. Das Nervensystem übernimmt für uns eine Schutzfunktion. Wenn dein Nervensystem in einem Moment so reagiert, dann wird es einen Grund haben. Dann will es dich vor irgendetwas schützen.
Und es ist auch wichtig, das genau so anzunehmen, zu sagen: Okay, das ist so.
Deswegen liebe ich und akzeptiere mich trotzdem so, wie ich bin. Das ist der schwierige Weg.
In der Fehlerkultur, in der wir groß geworden sind, wissen wir genau, was wir nicht können, aber nicht, was wir können.
Wenn wir wirklich achtsam sein wollen, dann werten wir nicht.
Ich habe mir einmal 20 Ein-Cent-Stücke in die Hosentasche gesteckt. Jedes Mal, wenn ich mich erwischt habe, dass ich werte, wanderte ein Centstück in die andere Tasche.
Ich habe mich vor mir selbst erschrocken, wie die Centstücke gewandert sind, weil ich so überzeugt war, dass ich nicht so viel werte.
Es ist egal, ob ich positiv oder negativ werte. Hauptsache eine Wertung.
Wenn wir wirklich achtsam sein wollen, dann werten wir nicht. Dann ist das, wie es ist. Dann sind wir auch in dem Annehmen.
Das eigentliche Gewahrsein ist wahrzunehmen: Ich habe Schmerzen. Aber diese Schmerzen nicht zu werten.
Was machen wir normalerweise? Wir werten. Das ist schlecht.
Natürlich ist der physische Schmerz da. Aber du kannst das im Gehirn zusätzlich aktivieren.
Deswegen gehören für mich Annehmen und Achtsamkeit ganz eng zusammen.
Was fiel dir am schwersten, oder fällt vielleicht immer noch? ?
Was mir tatsächlich immer noch schwerfällt, ist dieses konsequente Dranbleiben an der Eigenverantwortung. Also wirklich in jedem Moment zu prüfen: Wo bin ich gerade im Reagieren statt im Agieren? Und mich nicht sofort ins Außen zu verlieren. Dieses automatische Abgeben von Verantwortung, dieses ‚die anderen sind schuld‘ oder ‚die Umstände sind schuld‘, das ist ein Muster, das immer wieder auftaucht.
Und dann auch ehrlich zu merken, wie schnell man in diese Anpassung rutscht, nur um es allen recht zu machen. Dieses Muster komplett rauszubekommen, das ist die größte Herausforderung.
Schwierig ist auch dieses schnelle Reagieren aus dem Nervensystem heraus. Dass ich zwar oft weiß, was passiert, aber trotzdem erstmal emotional reagiere. Die Emotion ist da, die Reaktion ist da, und erst danach kommt das Bewusstsein wieder.
Und auch dieses Nicht-Werten ist schwer. Wir sind so konditioniert, alles sofort einzuordnen: gut, schlecht, richtig, falsch. Und da wirklich rauszukommen und nur wahrzunehmen, ohne sofort eine Bewertung dranzuhängen, ist ein Prozess.
Und dann dieses ständige Erinnern: "Worum geht es hier wirklich? Geht es um die Sache oder ums Ego? Oder geht es darum, nicht gesehen oder nicht gehört zu werden?" Diese Klarheit im Moment zu halten, ist nicht immer einfach.
Und auch die Anpassung ist ein Thema. Lieber ruhig sein, keinen Konflikt, es allen recht machen. Obwohl ich es besser weiß, ist dieser Reflex trotzdem da. Und genau da liegt die Schwierigkeit: Nicht das Wissen zu haben, sondern es im Moment umzusetzen
Was ist der Gewinn – und was dein bester Tipp für mehr Akzeptanz (Achtsamkeit) im Alltag?
Der größte Gewinn ist diese innere Ruhe, die entsteht, wenn ich nicht mehr gegen alles innerlich kämpfe. Wenn ich nicht mehr im Widerstand bin, sondern in eine Klarheit komme: "Was passiert hier gerade und was mache ich damit?"
Und dadurch entsteht mehr Selbstverantwortung. Ich merke schneller, dass ich die Wahl habe: "Gehe ich in etwas rein oder lasse ich es beim anderen? Bleibe ich drin oder gehe ich raus?" Und das gibt Freiheit.
Akzeptanz oder besser gesagt Annehmen führt dazu, dass der innere Widerstand wegfällt. Und genau in dem Moment, wo der Widerstand wegfällt, kommt Energie zurück. Energie, die vorher im inneren Kampf gebunden war.
Der wichtigste Tipp ist diese Preisfrage: "Was kostet es mich gerade, wenn ich so weitermache wie bisher? Körperlich, emotional, energetisch. Und was kostet es mich, wenn ich es anders mache?"
Und dann kommt viel über Bewusstsein. Immer wieder die Frage: "Worum geht es hier wirklich? Sache oder Ego? Oder geht es um das Gefühl, nicht gesehen oder nicht gehört zu werden?"
Und auch das Nicht-Werten ist zentral. Nur wahrnehmen, was da ist, ohne sofort eine Geschichte daraus zu machen. Schmerz ist da, Punkt. Emotion ist da, Punkt. Ohne gut oder schlecht.
Und genau da treffen sich Achtsamkeit und Akzeptanz: im reinen Wahrnehmen und in der bewussten Entscheidung, was ich daraus mache