Resilienz im Gespräch

Sieben Perspektiven darauf, was uns in bewegten Zeiten stärkt und trägt.

Gespräche über Zuversicht, Selbstfürsorge, Akzeptanz, Selbstwirksamkeit, Netzwerkorientierung, Lösungsorientierung und Zukunftsorientierung.

Resilienz im Gespräch – Teil 3: Selbstwirksamkeit mit Ursula Witthöft

Nach Carsten Fuchs (Zuversicht) und Johannes (Selbstfürsorge) spreche ich heute mit Ursula über Selbstwirksamkeit.

Nicht als Aktionismus im Außen, sondern als innere Kraft. Als diese Gewissheit: Ich bin machtvoll. Ich kann mich selbst lenken.

Ursula arbeitet mit Menschen, die nach außen funktionieren, aber innen getrieben sind. Die sich beweisen müssen. Die nicht gut genug sind. Bis sie erkennen: Selbstwirksamkeit beginnt nicht mit Tun, sondern mit Sein.

"Wir sind alle über Bewertung groß geworden. Wir haben alle gehört, wie viele Fehler wir machen. Und was dann geschieht ist, dass wir selbst werten und uns auch selbst bewerten."

Die Folge: Wir laden uns zu viel auf. Überfordern uns. Um uns selbst was zu beweisen. Oder anderen. Dabei liegt die eigentliche Macht woanders.

 

Ursula zeigt, wie Körper und Kopf zusammenspielen. Wie unsere innere Haltung unsere äußere Wirkung bestimmt. Und umgekehrt. Wie wir durch unseren Körper innerlich stabiler werden können.

"Wir können uns selbst steuern. Mit unseren Gedanken, mit unseren Gefühlen, mit der Art und Weise, wie wir auf die Welt blicken."

 

Im vollständigen Interview:

→ Was Glaubenssätze mit Selbstwirksamkeit zu tun haben

→ Wie Körper und Kopf zusammenspielen

→ Der praktische Körper-Trick für inneres Standing

→ Und was passiert, wenn du dir erlaubst, machtvoll zu sein

Das vollständige Interview findest du hier

Resilienz im Gespräch – Teil 3: Selbstwirksamkeit. Mit Ursula Witthöft

Was ist Resilienz für dich?

Resilienz bedeutet für mich, dass ich diese innere Gewissheit habe, dass ich machtvoll bin. Und zwar indem ich mich selber lenken kann.

Und in diesem Moment bin ich nicht mehr abhängig von Situationen oder muss irgendwas aushalten, sondern kann selbst entscheiden, wie ich eine Situation betrachte und wie ich dazu stehe. Das heißt, ich bleibe handlungsfähig, egal, wie unangenehm die Situation sein sollte.

Es geht um die Wahl, die wir jedes Mal treffen können. Welche Wahl treffe ich? Und eine Wahl, das ist mehr als eine Entscheidung.

Wenn ich entscheide, heute oder in den nächsten Wochen mache ich mehr Sport, dann entscheide ich das jetzt in diesem Moment. Wenn ich die Wahl treffe, dann gehe ich dafür, mit allen Konsequenzen.

Diese Wahl zu treffen, immer die Wahl zu haben, etwas zu tun oder auch nichts zu tun -das ist unglaublich machtvoll.

Es kann natürlich passieren, dass wir hinterher merken, dass wir von einem anderen Ergebnis ausgegangen sind. Und gleichzeitig dann aber auch hier wieder zu sagen: Ich habe die Wahl getroffen, ich übernehme die Verantwortung – und: ich kann auch wieder neu wählen.

Wir haben in jedem Moment die Möglichkeit neu zu wählen. Und auch das ist wieder sehr machtvoll. Wir können uns selbst steuern. Mit unseren Gedanken, mit unseren Gefühlen, mit der Art und Weise, wie wir auf die Welt blicken.

Was bedeutet Selbstfürsorge als Ressource für dich? Und was ist es nicht?

Es hat ganz viel mit erlauben zu tun. Ich bin wirksam - und ich erlaube mir das auch.

Viele Menschen erlauben sich das nicht. Halten sich vielleicht eher im Hintergrund, sagen: „Das macht man nun mal so“. Passen sich eher an und nutzen gar nicht die gesamte Selbstwirksamkeit, die da wäre.

Und dann steht das natürlich im direkten Zusammenhang auch mit der äußeren Ausstrahlung. Mit der Art und Weise, wie wir wirken. Wenn ich selbst wirksam bin und weiß, dass ich gerade meine Gedanken in eine Richtung lenke, dass das mein Fokus ist und auch die Emotionen damit zu tun haben, habe ich ein ganz anderes Auftreten.

Denn es gibt eine Wechselwirkung: Wenn ich eine gewisse innere Haltung habe, weil ich mich vielleicht anpasse oder irgendwelche Ängste da sind zu irgendeinem Thema: „Wenn ich das mache, dann passiert das oder das“ oder „Was ist, wenn ich irgendwelche Angstvorstellungen habe?“, dann wird sich das unmittelbar auf meinen Ausdruck auswirken. Weil unser Körper ist immer nur ausführendes Organ. Er macht das, was ich denke und fühle und das macht er meist unbewusst.

Unser Spiegel im Außen erkennt es sofort. Wir selbst meist nicht. Weil wir vielleicht in unseren Gedanken sind, irgendwo, hier oben im Kopf. Aber der Körper drückt es ganz automatisch aus.

Wenn ich mich zurückhalte zum Beispiel, wenn ich eine gewisse Ansicht habe von: „Ich darf hier nicht zu laut sein. Ich darf hier nicht als Erste gleich sprechen. Ich kann es noch nicht gut genug. Ich warte erst mal ab und halte mich im Hintergrund“ - da können alle möglichen Glaubenssätze dahinterstehen. Wenn die erst mal vorherrschen, wird der Körper es auch in der Form ausdrücken.

Zum Beispiel über die Stimme. Dann wird die Stimme ein bisschen zurückhaltender. Dann kann es sein, dass ich bei einer Aussage vielleicht mit der Stimmführung am Ende des Satzes oben hängen bleibe. Weil ich irgendwie doch nicht so sicher bin, ob ich das jetzt richtig sage und ob ich es denn jetzt an dieser Stelle sagen darf und hoffe, dass keine Gegenfrage kommt.

Oder über den Blick. Dann wird der Blick nicht mehr so standhaft, sondern etwas fliehender, unruhiger sein.

Es gibt diese Wirkung von innen nach außen und dann kann natürlich eine Wirkung entstehen, die wir so vielleicht nicht wollen.

Und gleichzeitig haben wir auch die Möglichkeit, unsere äußere Haltung so zu gestalten, dass sie auf unsere innere Haltung, auf unser Wohlgefühl, auf unsere innere Sicherheit Einfluss nimmt.

Unsere nonverbalen Signale wie zum Beispiel unsere Haltung, unsere Gesichtsmuskeln, unser gesamter Ausdruck, den können wir ganz bewusst einnehmen und es wird einen direkten Einfluss haben auf unsere Gedanken.

Wenn ich mich an einem Montagmorgen denke: Oh, ich habe überhaupt keinen Bock, aufzustehen. Heute will ich nicht. Dann reagiert der Körper völlig authentisch mit hängenden Schultern.

Wenn ich aber sage: Okay, es ist Montagmorgen und hey, was ist heute alles möglich.
Dann wird sich der Körper aufrichten und ich werde mich dann auch wohler fühlen. Weil der Körper empfindet mit einer aufrechten Haltung ein ganz anderes Wohlgefühl. Auch die Stimme wird kraftvoller sein.

Oder wenn ich mir nur selber ein Lächeln schenke. Selbst in einer vielleicht eher ängstlichen herausfordernden Situation. Ein wichtiges Gespräch, eine Gehaltsverhandlung oder wenn es wirklich darum geht, auf eine Bühne zu gehen oder vielleicht das erste Video auf Social Media zu drehen. Was auch immer. Wenn irgendwo irgendwelche Ängste da sind, habe ich die Möglichkeit durch ein Lächeln mich erstmal insgesamt zu entspannen.

Ein Lächeln signalisiert unserem Gehirn: Es droht keine Gefahr. Obwohl wir wissen, dass wir uns unwohl fühlen, entspannt der Körper mehr. Die Stimme klingt entspannter und wir haben natürlich dann im Außen auch eine ganz andere Wirkung.

Egal welche Situation uns das Leben schenkt, darauf haben wir nicht immer Einfluss. Wir können aber sehr viel dafür tun, um gewisse Realitäten zu kreieren. Durch unsere Wirkung, durch unsere Ausrichtung, durch unseren Fokus.

Und wenn wir dann diese machtvolle Wirksamkeit in uns leben - es geht wirklich darum, das nicht nur zu verstehen, sondern es verinnerlicht zu haben und diese Gewissheit einfach zu spüren - dann ist das ein unglaublicher Gewinn. Weil wir mit diesen Situationen dann ganz anders umgehen können.

Warum steht der Selbstwirksamkeit im Weg?

Es stehen häufig limitierende Glaubenssätze dahinter. Der Glaubenssatz, nicht gut genug zu sein, ist glaube ich etwas, was die allermeisten Menschen kennen. Jedenfalls in unserer industrialisierten Welt.

Denn wir sind alle über Bewertung groß geworden. Wir haben alle gehört, wie viele Fehler wir machen in der Schule. Wir wurden sehr bewertet, sind mit viel Urteil erzogen worden, groß geworden. Es war für uns vollkommen normal.

Was dann geschieht ist, dass wir selbst werten und uns auch selbst bewerten. Und wenn wir uns selber bewerten und in die Leistungsschiene gegangen sind, steckt da wieder der Glaubenssatz dahinter: „Du bist nicht gut genug“.

Dann ist mein dauerhafter Antreiber, dass ich einfach nicht gut genug bin. Und das macht unzufrieden. Und das macht Druck. Daraus kann die Neigung entstehen, sich zu viel aufzuladen, sich zu sehr zu überfordern. Um entweder sich selber was zu beweisen oder anderen etwas zu beweisen.

Dabei liegt es nicht am Können, sondern es liegt wirklich daran, dass diese Glaubenssätze so wirksam sind. Dass dieses „mal 5 gerade sein lassen“ fehlt. Dass diese Erlaubnis fehlt, Fehler machen zu dürfen. Und auch die Sichtweise fehlt, dass Fehler keine Fehler sein müssen, sondern Erfahrungen sind, aus denen ich etwas lernen kann.

Was ist der Gewinn – und was dein bester Tipp für mehr Selbstwirksamkeit im Alltag?

Wenn es um Glaubenssätze geht, da ist die Empfehlung, sich die Glaubenssätze anzusehen. Welche sind es genau? Welche wirken am kraftvollsten, sodass zum Beispiel Überforderung entsteht, Erschöpfung entsteht. Und sie wirklich aufzulösen.

Der Gewinn ist dann diese innere Ruhe. Eine Gelassenheit. Da entsteht eine Form von Frieden, Stille. Und keiner, der ständig irgendwie antreibt und anpeitscht.

Das ist der größte Gewinn, wenn diese Glaubenssätze aufgelöst sind. Und es bedeutet nicht, dass man hinterher weniger diszipliniert ist oder weniger performen kann. Das bedeutet es überhaupt nicht. Sondern das Ganze mit viel mehr Gelassenheit, innerer Ruhe und dann auch Freude zu tun. Das Leben hat eine andere Qualität.

Und ein ganz praktischer Tipp:

Angenommen, ich stehe in einer Situation, wo es jetzt wirklich darum geht, dass ich eine bestimmte Wirkung, eine bestimmte Ausstrahlung haben will. Und ich fühle mich dabei vielleicht nicht ganz so sicher.

Gut ist es natürlich immer, inhaltlich gut vorbereitet zu sein. Zu wissen: Intellektuell habe ich es drauf. Es braucht schon die Substanz.

Und dann aber auch noch diesen inneren Kritiker zu befrieden. Da hilft uns unser Körper. Weil gerade, wenn wir unsicher sind, haben wir einen inneren Dialog von: „Was könnte passieren, wenn ich nicht gut genug bin? Und was ist, wenn mir der Faden reißt und wenn ich mich verspreche und wenn plötzlich keiner antwortet“. Alle möglichen Szenarien, die wir uns so visualisieren. Dann sind wir natürlich in Gefahr, dass genau das geschieht. Weil unser Körper wird genau das ausstrahlen und die Menschen reagieren entsprechend.

Wir können uns aktiv einmal fragen: “Was ist denn jetzt mein Ziel? Wie will ich hier wirken? Was ist das Ziel dieses Gesprächs, der Gehaltsverhandlung, was ist das Ziel dieser Performance jetzt hier?”

Und wenn das zusammengebracht wird, dann nivelliert sich das Ziel auch etwas ein. Denn es geht natürlich darum, dass ich mit mir und dem, was ich mitbringe, körperlich ganzheitlich auch wirke. Nicht nur: “Was will ich im Kopf haben, was kann ich”. Sondern auch: “Wie bin ich in diesem Moment und wie soll das jetzt wirken?”.

Und das noch mal klar definieren: “Meine Argumente überzeugen. Meine Kompetenz wird gesehen. Meine Ansätze finden Anklang.”

Wenn diese Wirkung auch noch mal klar ist, dann habe ich schon mal ein anderes inneres Standing. Wenn ich mich dann auch noch mit beiden Beinen fest hinstelle, den Boden unter den Füßen spüre, dann merke ich, dass ich getragen werde.

Wir haben oft, wenn wir im Kopf sind, nicht das Gefühl von wirklich verbunden sein mit uns selbst. Sondern sind vom Kopf abwärts abgeschnitten. Wenn wir aber den Körper mit einbeziehen, können wir jeden negativen Gedanken in den Körper ableiten. Das ist wie ein Blitzableiter. Ich stelle mich auf beide Beine und lasse das abfließen.

Diese Vorstellung, die macht schon was. Die Schultern werden entspannter und lockerer. Ich bin plötzlich nicht mehr hier oben im Kopf verhaftet.

Und man hat auch festgestellt: Wenn man auf beiden Beinen steht, werden wir selbst überzeugter, wir fühlen uns überzeugter.

Ganz wichtig ist noch, die Knie nicht durchstrecken. Viele strecken sie dann durch, aber so kann die Energie auch nicht fließen. So sind wir unbeweglicher und zwar auch im Gehirn weniger flexibel.

Das heißt, die Knie sind ganz locker. Ich könnte mich jederzeit bewegen. Dabei stabil auf beiden Beinen. Dann atme ich tief. Weil das ist meistens das, was automatisch geschieht, wenn wir uns nicht so ganz wohl fühlen - dass wir nur noch flach atmen.

Tief ausatmen vor allen Dingen. Wir pumpen uns zu häufig mit Luft auf und dann haben wir das Gefühl von: “Ich habe so viel geatmet, aber ich kriege keine Luft. Wieso kriege ich keine Luft?”

Weil wir die Luft bereits in der Lunge haben.

Ausatmen, solange es geht. Ausatmen, ausatmen. Das Ausatmen ist das Loslassen.

Dann fährt der Körper runter in eine Ruhe. Das vegetative Nervensystem reagiert und wir sind klarer im Kopf. Wir sind präsenter in unserer Ausstrahlung. Und wir haben die Wirkung, die wir uns wirklich wünschen.

Selbstwirksamkeit hat nichts mit Aktion im Außen zu tun. “Ich muss dies oder jenes tun, dann bin ich wirksam”. Sondern es ist etwas, was in uns beginnt. Was wir in uns verstärken. Und es hat etwas mit Präsenz zu tun.

Präsent sein. Präsent leben. Und mit der persönlichen Ausstrahlung, die wir haben.

Und da hängt natürlich ganz viel dran. Was Ausstrahlung bedeutet. Sich der eigenen Werte bewusst sein. Und wenn diese Werte bewusst sind, wir sie auch wirklich leben. Egal, was andere sagen. Ich weiß ganz genau, das ist jetzt mein Wert.

Ich muss nicht mehr auf 100 Hochzeiten tanzen. Könnte ich, muss ich aber nicht mehr. Weil etwas anderes ist jetzt mein wichtigster Wert und darum geht es jetzt.

Und wenn wir das erkannt haben, dann entstehen so eine innere Ruhe und Gelassenheit und Präsenz. Die wir auch im jeweiligen Moment im Hier und Jetzt sind und dann auch ausdrücken. Ich denke etwas, ich fühle es auch wirklich. Ich sage es nicht nur, sondern fühle das wirklich.

Viele fühlen nicht (mehr) wirklich.

Fühlen lernen, das durfte ich auch in den letzten Jahrzehnten erst mal lernen. Weil alles nur im Kopf war. Ich fühle es heute auch und es ist damit wahr, kongruent. Und ich handle entsprechend und das ist wirklich Authentizität.

Handeln entsprechend der Gedanken und Gefühle und nicht: „Ich sage das, aber eigentlich meine ich ja doch was anderes. Ich sage das, weil es vielleicht andere machen oder sagen oder müsste und so weiter. Aber wenn ich dann zu Hause im stillen Kämmerlein bin, mache ich das ganz anders. Ich fühle es doch anders“. Das ist inkongruent.

Da kann man sich vorstellen, wie wichtig die eigene Kongruenz ist. Dass man so auch Widerstände aushält. Dass man bereit ist, dafür auch zu investieren. Und - auch das finde ich wichtig - bereit ist, es zu genießen.

Je mehr wir das Leben führen, das uns entspricht, weil wir uns erkannt haben und uns lieben, wie wir nun wirklich sind und kein Abbild von jemandem, umso mehr schenkt uns das ein Leben voller Freude.

Elke Heinemann

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