Resilienz im Gespräch

Sieben Perspektiven darauf, was uns in bewegten Zeiten stärkt und trägt.

Gespräche über Zuversicht, Selbstfürsorge, Akzeptanz, Selbstwirksamkeit, Netzwerkorientierung, Lösungsorientierung und Zukunftsorientierung.

Resilienz im Gespräch – Teil 1: Zuversicht mit Carsten Fuchs

Ich starte eine Serie, in der ich mit Experten über die sieben Resilienzfaktoren spreche. Keine Theorie, sondern hautnah an der Praxis. Den Anfang macht der „Fuchs von Morgen“, Carsten Fuchs mit dem perfekt zu ihm passenden Resilienzfaktor Zuversicht:

"Zuversicht ist in erster Linie eine Entscheidung."

Nicht ein Gefühl, auf das wir warten. Sondern eine bewusste Wahl. Jeden Morgen. Bevor überhaupt etwas passiert ist.

"Für mich heißt das tatsächlich, mich morgens zu entscheiden, dass dieser Tag eine Chance hat, ein guter Tag zu sein. Ich entscheide, dass ich mit dieser Brille in diesen Tag schauen möchte."

Diese Entscheidung verändert, was wir erleben. Welche Menschen wir treffen. Welche Chancen wir sehen.

Carsten sagt: "Im Grunde rate ich Menschen, erstmal aus egoistischen Gründen zuversichtlich zu sein: Wenn ich das Glas als halb voll ansehe, dann habe ich davon tatsächlich eine spürbare Veränderung in meinem Alltag. Mir geht es besser, meine Stimmung ist anders, mein Körper ist anders, mein Gesundheitszustand verändert sich."

Zuversicht wirkt auf uns selbst – und auf unser Umfeld.

Carsten nennt Zuversicht den "Türöffner" für Resilienz. Ohne sie werden wir die anderen Resilienzfaktoren gar nicht erst nutzen, weil wir nicht daran glauben, dass es Sinn macht.

Im vollständigen Interview spricht Carsten über:
→ Was Zuversicht NICHT ist
→ Wie wir uns vor dem schützen, was uns runterzieht
→ Konkrete Tipps für mehr Zuversicht im Alltag
→ Die eine zentrale Frage, die über alles entscheidet

Das vollständige Interview findest du hier ↓

Resilienz im Gespräch – Teil 1: Zuversicht. Mit Carsten Fuchs

Was ist Resilienz für dich?

Ich habe eher ein Gefühl dazu, was ich darunter verstehe. Resilienz ist für mich die Fähigkeit, mit dem Leben in seiner Ganzheit gut klar kommen zu können.

Das heißt, für all das, was uns im Leben begegnet, auf das wir uns mal mehr, mal weniger vorbereiten können, einen Werkzeugkasten zu haben, wie ich darauf reagieren kann.

Und ich glaube, das ist ein Grund, weshalb heute gefühlt so viele Menschen sich der Situation nicht gewachsen fühlen. Dass sie über lange Jahre diesen Werkzeugkasten nicht gebraucht haben, weil wir ehrlicherweise in einem sehr gemäßigten, immer positiv sich entwickelnden Strom unterwegs waren.

Dabei prägt sich Resilienz im Grunde wie ein Muskel - wenn ich den Muskel nicht brauche, wird er nicht trainiert. Das ist genauso, wie ich ja auch nicht einfach einen Marathon laufe, nur, weil ich mich angemeldet habe. Sondern ich trainiere für den Moment, dann, wenn ich den Marathon laufe, damit ich dann das auch durchhalten kann.

Und so wirkt Resilienz, wenn sie gut trainiert ist, dass ich generell gut mit dem Leben umgehen kann, mit allem, was kommt.

Was bedeutet Zuversicht als Ressource für dich?

Ich fange mal damit an zu sagen, was Zuversicht nicht ist: Es ist nicht, alles rosig zu sehen oder alles mit einer positiven Schicht zu überziehen und nicht die Wirklichkeiten benennen zu können. Wenn etwas nicht gut ist, dann ist es nicht gut -  und es hilft jetzt nicht zu sagen, es ist nur ein bisschen ungut oder das ist bestimmt zu etwas gut. Sondern in dem Moment ist es eben einfach so, wie es ist, nicht gut.

Ich mag das Wort Zuversicht sehr gerne, ich mag es noch lieber als Hoffnung oder als positives Denken, weil Zuversicht im Grunde noch mehr die Haltung deutlich macht, die dahinter steht: Zuversicht ist in erster Linie eine Entscheidung.

Nicht als ein Gefühl nach dem Motto: „Wenn ich Zuversicht fühle, dann bin ich das auch.“. Sondern es ist in erster Linie eine Entscheidung, wie ich an die Dinge herangehe, wie ich die Welt, wie ich mich, wie ich meine Mitmenschen, meine Umwelt sehe. Dadurch stellt sich dann in zweiter Linie das Zuversichtlichfühlen ein.

Für mich heißt das tatsächlich, mich morgens zu entscheiden, dass dieser Tag eine Chance hat, ein guter Tag zu sein. Ich entscheide, dass ich mit dieser Brille in diesen Tag schauen möchte.

Die Entscheidung zu einer zuversichtlichen Haltung verändert mein tatsächliches Erleben. Das heißt, ich erlebe andere Dinge, ich sehe andere Dinge und ich treffe andere Menschen - als eine Folge dessen, dass ich zuversichtlicher in die Welt hinein blicke und in die Welt hineingehe.

Im Grunde rate ich Menschen, erstmal aus egoistischen Gründen zuversichtlich zu sein: Wenn ich das Glas als halb voll ansehe, dann habe ich davon tatsächlich eine spürbare Veränderung in meinem Alltag, als wenn ich immer nur das Glas als halb leer ansehe. Mir geht es besser, meine Stimmung ist anders, mein Körper ist anders, mein Gesundheitszustand verändert sich, mein seelischer Zustand verändert sich.

Stell dir mal vor, wenn wir das alle täten – wir würden damit eine ganze Welt verändert, das ist das Schöne dabei, wenn du bei dir selbst anfängst.

Größte Herausforderungen – was nimmst du wahr?

Dadurch, dass sich viele Menschen sehr viel mit dem Außen beschäftigen, Nachrichten schauen, sich darüber unterhalten, sich Vorgänge, die sich am anderen Ende der Welt sich abspielen,  jeden Tag dreimal zu Gemüte führen und sich dann überlegen, welche schlimmen Auswirkungen auf sie haben kann - das verändert etwas in ihnen und das macht natürlich die Zuversicht schwieriger.

Wenn ich dauernd auf eine schwarze Wand gucke, dann fällt es mir schwerer mir vorzustellen, wie eine bunte Wand aussieht. Je mehr ich auf das Schwarz gucke, desto mehr verblasst dieses innere Bild der bunten Wand in mir und desto schwieriger wird es, die bunte Version wieder hervorzuholen.

Als ein Zuversichtsexperte würde ich sagen: Wenn viel Mist reinkommt, der dich einfach nicht gut fühlen lässt, dann gucke doch erst mal, dass nicht so viel Mist reinkommt. Das heißt dir mal zu überlegn, womit beschäftigst du dich, mit welchen Menschen umgibst du dich, wie oft guckst du am Tag Nachrichten.

Ein Stück auf Hygienefaktoren zu achten, was mein eigenes Leben angeht heißt nicht, die Augen ganz zu verschließen, vor dem was in der Welt ist. Aber Zuversicht könnte so eine Art Filter sein und dir helfen, dich auf bestimmte Dinge zu fokussieren.

Ich bin übrigens ein großer Freund vom Algorithmus in den sozialen Medien, weil der Algorithmus lernt auch, wenn du Gutes guckst. Ich gucke sehr viel positive Geschichten, positive Beispiele, weil ich gezielt danach suche. Das heißt, der Algorithmus spielt mir mittlerweile immer mehr gelingende Beispiele, schöne Geschichten, positive Erzählungen von Menschen ein.

Der Gewinn – und deine Tipps für mehr Zuversicht im Alltag?

Wenn es um das Thema Zuversicht geht, würde ich dir raten, dir Gedanken zu machen, wie du eigentlich grundlegend auf diese Welt schaust: Hast du einen Blick auf das Leben, der dir sagt, das Leben meint es gut mit dir? Oder ist der Gedanke vorherrschend, dass du sagst, im Grunde passiert mehr Schlechtes als Gutes?

Weil diese grundsätzliche Frage entscheidet, glaube ich, über ganz, ganz vieles im Leben. Wenn du sagen kannst: „Ja, das Leben liebt mich.“, dann ist das die Basis, auf die du dich immer wieder zurückziehen kannst, auf die du maximal fallen wirst.

Konkrete Tipps sind z. B., alle Dinge, bei denen du siehst, dass dir Energie verloren geht, wegzulassen oder zumindest zu reduzieren. Ich lese zum Beispiel seit einigen Jahren keine Zeitungen mehr und ich schaue keine Nachrichten. Trotzdem kriege ich interessanterweise alles mit, was wichtig ist. Aber es geht gar nicht um etwas Radikales, man kann auch einfach die Medien-Zeit begrenze, die Push-Nachrichten auf seinem Handy abschalten.

Eine zweite Sache kann sein, zu überlegen, wer und wo sind die Menschen, die mir gut tun? Menschen, bei denen ich nach einer Unterhaltung, nach dem Beisammensein das Gefühl habe, ich bin irgendwie im Stück aufgerichtet, ich habe mehr Lust, mehr Energie bekommen, dieser Mensch hat mir gut getan.

Abends, bevor ich einschlafe, kann ich mir drei Dinge überlegen, für die ich dankbar bin. Ich kann sagen: „Das hat heute funktioniert, das ist etwas, wo es das Leben heute gut mit mir gemeint hat, dafür bin ich dankbar. Denn Dankbarkeit verändert auch meinen Blick auf die Welt und auf mein „Zuversichtslevel“.

Wenn wir versuchen, Dinge, die passieren, nicht sofort beurteilen, zu bewerten, hilft das. Häufig glauben wir, wir wüssten, was gerade gut ist, oder nicht. Doch wie oft können wir das gar nicht allumfänglich wissen?
Ein Beispiel: Ich stehe im Stau und ärgere mich, dass ich jetzt ausgerechnet im Stau stehe. Dann bekomme ich aus den Nachrichten mit, dass vorne ein schlimmer Unfall passiert ist. Jetzt kann ich mich entscheiden, ob ich mich weiterärgere, dass ich im Stau stehe - oder ich kann sagen „Wow, wenn ich fünf Minuten eher hier langgefahren wäre, dann wäre ich vielleicht jetzt in diesen Unfall verwickelt! Klar, ich komme jetzt nicht voran, aber mein Auto ist heil, ich bin heil, mir geht es gut.“.

Was möchtest du gerne noch sagen?

Für mich heißt Zuversicht, ich gebe dem Leben einen positiven Rahmen, den „Zuversichts-Rahmen“. Das heißt schon, dass sich darin auch dunkle Dinge abspielen.. Aber dadurch wird der Rahmen von mir nicht in Frage gestellt. Zuversicht ist die Chance, es könnte gut sein.

Diese Entscheidung zu glauben, dass „es“ funktioniert, dass es gut gehen wird - das macht den Raum auf: Es hat einen positiven Einfluss auf dein Nervensystem. Du bist in der Entspannung viel offener für Lösungen, Perspektivwechsel, sich anderen zu öffnen. Du gibst dem Ganzen eine Chance - um daraus Selbstwirksamkeit zu erleben. Was eine weitere Eigenschaft von resilienten Menschen ist und wiederum dazu führt, dass sich deine Zuversicht weiter verstärkt.

Vielleicht könnte man sogar sagen, dass im Hinblick auf die Resilienz die Zuversicht so etwas wie der Türöffner ist. Im Sinne von: „Wenn ich nicht zuversichtlich bin, dann werde ich wahrscheinlich ganz viele andere Dinge, die für meine Resilienz wichtig sind, gar nicht machen, weil ich mir denke, das macht sowieso alles keinen Sinn. Deswegen ist für mich die Zuversicht etwas Unverzichtbares im Blumenstrauß der Resilienzfaktoren.

Elke Heinemann

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